News-Archiv
29.04.2007 - Letztes Wahlgefecht im Internet
Natürlich haben der konservative Ex-Innenminister Sarkozy wie auch die Sozialistin Royal schon lange vor Beginn des Wahlkampfs Internet-Teams angeheuert. Sarkozy nutzt vor allem die Website der Regierungspartei UMP, während Royal, die sich gegen zahlreiche Gegner in der Sozialistischen Partei durchsetzen musste, ihre Kampagne hauptsächlich über ihre Website desirsdavenir führt. Von dort aus werden Blogs gefüttert, Anhänger und Sympathisanten mit E-Mails bombardiert und Videos über Kandidaten-Auftritte im Netz verbreitet. Doch die direkt von den Kandidaten gesteuerten Kampagnen sind nur ein kleinder Teil der Internet-Schlacht um die Präsidentschaft.
Das Internet habe "das traditionelle Bild des Parteianhängers verändert", schrieb Internet- und Blog-Experte David Abiker am Dienstag in der Zeitung "Le Monde". Statt "passiver Zuschauer des Wahlkampfes" zu sein, "ist er ein echter Akteur der Wahl geworden, oder besser ein Aktivist". Dabei beschränke sich die Teilnahme längst nicht mehr auf die Weitergabe von Informationen: "Er vervollständigt nach eigenem Ermessen Argumentationshilfen der Wahlkampagne und startet Offensiven."
Als Konkurrenz zum dominierenden Informationsmedium Fernsehen werden Videos besonders gerne genutzt. So listete Ende der Woche die Website YouTube für den Suchbegriff "Ségolène Royal" 3780 Clips auf, unter "Sarkozy" waren es sogar 8560. Ähnlich ist die Verteilung bei dailymotion. Der Großteil der Videos wird mit Szenen aus TV-Sendungen bestückt und dann mit Namen wie "Das wahre Gesicht von Ségolène Royal" oder "Die versteckte Seite von Sarkozy" betitelt.
Die Royal-Kritiker stellen vor allem "Patzer" der Sozialistin heraus, die sie als inkompetent darstellen und für das höchste Staatsamt disqualifizieren sollen. So werden Internauten daran erinnert, dass Royal nicht wusste, wieviele mit Atomwaffen bestückte U-Boote Frankreich besitzt oder wie hoch das Gesundheitsbudget ist. Aber auch ihr Charakter wird in Frage gestellt, etwa mit Szenen, in denen sie die Effizienz des chinesischen Justizsystems lobt oder eine Jungsozialistin abkanzelt, die eine kritische Frage stellt.
Bei Sarkozy konzentrieren sich die Attacken auf seine vorgebliche Machtbesessenheit, einen drohenden Polizeistaat und seine Rolle als Innenminister zur Zeit der Vorstadt-Krawalle 2005. Dabei werden häufiger seine Forderung nach Respekt für geltende Gesetze mit seinen Verbalattacken gegen Vorstadt-Jugendliche ("Gesindel") und Szenen gemischt, die brutale Übergriffe von Polzisten zeigen. Auch seine Versuche, um die Anhänger des Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen zu werben, werden angegriffen, zum Beispiel in einem Rap-Clip, der Sarkozy in einer Montage mit dem Front-National-Chef und Hitler-Gruß zeigt.
Einige Video-Macher verpacken ihre Kritik oder Präferenz subtiler in einen Blick in die Zukunft: So gibt es bei dailymotion einen Clip, der Royal beim G-8-Gipfel 2009 zusammen mit der frisch gewählten US-Präsidentin Hillary Clinton zeigt. Im Video "Sarkozy est mort" ist dagegen ein Frankreich zu sehen, das seinen verstorbenen Staatschef Nicolas Sarkozy betrauert - zu Beginn seiner achten Amtszeit im Alter von 87 Jahren.
(29.04.2007 / Quelle: © 2007 AFP)



