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21.06.2007 - Vom schweren Knochen zum Multifunktionsgerät

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München (AFP) - Zuerst galt es als im unpassenden Moment klingelnder Störenfried. Dann gewöhnten sich die meisten daran - und mittlerweile ist das Handy gar zum liebsten technischen Gerät der Deutschen geworden. Es wird verziert, enthält Lieblingslieder und Familienfotos. Das Handy hat seit dem ersten Telefonat im GSM-Standard vor fünfzehn Jahren einen so rasanten Siegeszug erlebt wie kein technisches Gerät zuvor. Den Weg vom ein Pfund schweren "Knochen" für über 1500 Euro, den sich fast nur Geschäftsleute leisteten, bis zum Massengerät bereiteten technische Neuerungen und sinkende Preise. Die Verbraucher können sich darauf freuen, dass dies angesichts des Konkurrenzkampfs so bleiben wird.

Das erste Handy-Telefonat nach heutiger Technik erfolgte am 30. Juni 1992 über das D2-Netz von Mannesmann (heute Vodafone), einen Tag später konnten die ersten Telekom-Kunden (T-Mobile) in deren D1-Netz telefonieren. Die Vorgeschichte geht schon auf das Jahr 1989 zurück: Damals führte die Bundesregierung einen Wettbewerb um die Netz-Lizenzen durch. Im Gegensatz zu der mehr als 50 Milliarden Euro schweren Versteigerung der UMTS-Lizenzen im Jahr 2000 gab es die GSM-Lizenz praktisch kostenlos, da lediglich ein glaubwürdiges Geschäftskonzept vorgelegt werden musste.

Obwohl sich Mannesmann und Telekom nach ihren Versteigerungserfolgen bereits ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen um den prestigeträchtigen Start geliefert hatten, benötigten die beiden Unternehmen fast drei Jahre zwischen Lizenzgewinn und Netzstart. Schon im Juli 1991 hatte die Telekom einen Probebetrieb gestartet, doch kamen die Handy-Hersteller nicht mit der Produktion der neuen Geräte nach. Erst im Frühsommer 1992 war es soweit: Für Preise von bis zu 1630 Euro wurden die ersten Handys ausgeliefert. Die Minutengebühren lagen bei über 75 Cent, dazu kamen noch Monatsgebühren von fast 40 Euro.

Mehrere 100.000 Kunden stiegen im ersten Jahr bei den beiden Unternehmen ins D-Netz ein, Mannesmann schrieb schon 1994 schwarze Zahlen. Bis zum endgültigen Durchbruch dauerte es aber noch bis 1998. Mit dem dafür dann umso kräftigeren Boom verdiente sich Deutschland den Ruf als "Ketchup-Land": Genau wie eine Flasche mit der Tomaten-Soße musste der Markt mit Hilfe von Werbung kräftig geschüttelt werden, bis etwas rauskommt. Und plötzlich war alles mit Handys überschwemmt.

Nachdem 1994 E-Plus als dritter Wettbewerber in das Geschäft eingestiegen war, folgte in der Boomphase 1998 Viag Interkom (heute O2). Die vier Anbieter teilen sich auch heute noch den Markt, wobei die beiden Pioniere Vodafone und T-Mobile mit jeweils etwas über 30 Millionen Kunden Marktführer sind. O2 meldete zuletzt 11,2 Millionen Kunden. E-Plus mit den günstigen Nebenmarken wie Base, simyo oder Aldi Talk wächst momentan am stärksten und hat 13,1 Millionen Kunden. Insgesamt gibt es in Deutschland mehr Handyverträge als Einwohner.

Martin Müller, Geschäftsführer des Branchendienstes teltarif, sieht in der deutschen Handy-Geschichte vor allem eine Erfolgsstory der Netzbetreiber. Alle hätten sich mit der mobilen Telefonierlust der Deutschen eine "goldene Nase" verdient. Alleine das "Abfallprodukt" SMS, über das die Netzbetreiber eigentlich nur ihre Kunden informieren wollten, sei eine riesige Erfolgsstory.

Müller erwartet, dass die Kunden sich in den kommenden Jahren auf weiter verbesserte technische Möglichkeiten und auf sinkende Preise einstellen können. Es würden sich vermutlich eine Reihe Zusatzangebote wie Internet oder E-Mail via Handy durchsetzen. Bei den Preisen seien Verträge mit einer monatlichen Grundgebühr ein Auslaufmodell. Dafür werde es zunehmend Flatrates und weiterhin Prepaid-Angebote geben. Schon bis Ende des Jahres werden wahrscheinlich die Preise sinken, sagt Müller. "Derzeit halten die Anbieter untereinander einen Waffenstillstand. Aber der sollte bald brechen." Dann seien für einzelne Angebote Preissenkungen von über zehn Prozent möglich. Wer heute mit seiner Prepaid-Karte für 14 Cent die Minute telefoniert, wird das dann für zwölf oder sogar nur noch elf Cent können.

(21.06.2007 / Quelle: © 2007 AFP)